Faltet Eure rechte Hand zu einer Faust, als würdet Ihr am Straßenrand ein Auto anhalten wollen, dessen Fahrer Euch in eine unbekannte Welt mitnehmen wird.

Dreht nun die Faust so, dass der Daumen nach rechts zeigt. Ihr seht Afghanistan!

 - Im Süd-Westen, am Handballen, ist das Flachland (Sachro Regestan, der Platz des Sandes), im Süd-Osten die Grenze zu Pakistan, der Daumen ist der kleine Ausläufer - der Wakhan Korridor, an dessen Ende die 76 km kurze Grenze zu China liegt, die eingeklappten Finger sind das zentrale Hochgebirge, der Hindukush und im Norden, an den Gelenkknochen treffen die Länder Turkeminstan, Usbekistan und Tadschikistan auf die Ebene Afghanistans.

Im zweisprachigen (Dari und Pashtu) Afghanistan leben unterschiedliche ethnische Gruppen, die größten darunter sind die Pashtunen, Tadschiken, Usbeken, Turkmenen und Hazara. Allen gemeinsam ist der Islam. Die Tradition der Kopfbedeckung trennt die Ethnien oftmals visuell: So trägt Mann unterschiedliche Hüte, Kappen oder Turbane und kann leicht zum “Norden, Osten, Süden oder Westen” – gehörend, erkannt werden.

Konzentrieren wir uns auf unser drittes Fingergelenk des Mittelfingers: Dort liegt das Hazarajat. Das Hazarajat liegt in den westlichen Ausläufern des Hindukush-Gebirges in Zentralafghanistan, westlich von Kabul.

Eine der größeren Städte dort ist Bamyan, wo einstmalig die Buddhastatuen standen, die von den Taliban, trotz internationaler Proteste, zerstört wurden.

Lange Zeit lag Bamian an der Hauptverkehrsstrecke zwischen Indien und Zentralasien. Im 7. Jahrhundert war die Stadt ein buddhistisches Zentrum. In dieser Zeit wurden die Buddhastatuen in den Felswänden errichtet. Der große Buddha (Schaboba) war 53 m, der kleine (Schamoma) 37 m hoch. Buddhistische Mönche schlugen Höhlenwohnungen in die Felsen, die teilweise noch heute den Menschen als Behausungen dienen.

Bamian, eine muslimische Festung vom 9.-12. Jahrhundert, wurde 1221 von Dschingis Kahn eingenommen. Die damalige Schoenheit der Stadt ist heute, trotz der weiten Zerstorung in den letzten Jahren, noch spuerbar. Bamian konnte allerdings seine Prominenz der vergangenen Zeit nie wieder zuruckerobern.

Die Hazara sind möglicherweise osttürkischen und mongolischen Ursprungs, wobei unterschiedliche Spekulationen über ihre Herkunft existieren. Gelehrte vertreten die Meinung, dass die Hazara sich seit dem 13. Jahrhundert am Hindukusch ansiedelten. Hazara sprechen Hazaragi (Persisch vermischt mit mongolischen Wörtern) und gehören der schiitischen Minderheit in Afghanistan an.

Das Hazarajat hat wunderschöne, unterschiedliche Landschaften. So gerät man ins träumen und möchte sich am liebsten nicht mehr von der Stelle rühren. Tut man es doch, so hat man die gleichen Träume nach jeder weiteren Abzweigung.

Das Hazarajat ist nur dünn besiedelt. So kommt es vor, dass man stundenlang kein Dorf oder nur vereinzelte Häuser sieht. Einige Orte sind mit dem Auto nicht erreichbar, andere bleiben in den langen harten afghanischen Wintermonaten auf sich gestellt.

Im Mai besteht die Möglichkeit, innerhalb von einer Woche drei Jahreszeiten zu durchfahren: den Frühling, den Sommer und den Winter. Während in Bamian bereits die Äpfelbäume vor dem Hintergrund der roten Felsen weiß blühen, liegt Lal-o-Sarjangal noch im Winterschlaf.

Einige Täler gleichen grünen Oasen. Sie ziehen sich Kilometer durch die hohen Berge entlang, an dessen Hängen zumeist eine Strasse führt, die nach europäischen Auffassungen eigentlich keine ist. Die Strassen gleichen vielmehr staubigen, sehr unebenen Wegen. Von Zeit zu Zeit bahnt sich ein Fluss über sie und es fällt Ortsundkundigen schwer zu erkennen, ob man gerade durch das Flussbett fährt oder der Fluss über die Strasse fließt. Die durchschnittliche Fahrtgeschwindigkeit beträgt 25 Stundenkilometer. Die durchschnittliche Höhe im Hazarajat liegt bei 2500 Metern.

Die Hazara wohnen in der Regel mit mehreren Generationen in einem Haus, welches meist von hohen Lehmmauern umgeben ist. Ein großes Tor führt in einen unüberdachten Innenhof, an dessen Seiten Räume gebaut sind, in denen die Familie wohnt und schlaft. Gekocht wird oft unter freiem Himmel und im Schutz der Mauern des Innenhofes.

Selten verfügen diese Haushalte über eine Toilette, eine Strom- oder eine Wasserversorgung. Wasser wird meist aus einem nahegelegenen Fluss geholt. In einigen Dörfern wurden durch Nicht-Regierung-Organisationen (NROs) Brunnen erbaut, sodass die Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben.

Die Farbe der aus Lehm erbauten Häuser verändert sich mit der Farbe des Berges oder des Bodens. So lernt man hier, dass Lehmfarbe nicht gleich Lehmfarbe ist. Die Schattierungen sind vielfältig und von beige-braun-grau kann es auch schon mal ins braun-dunkelrote wechseln. Die Häuser schmiegen sich allerdings nicht nur farblich an die Berge an. Sie sind oft von schattenspendenden Pappeln umgeben, die in den hiesigen Längengraden sehr vielseitig eingesetzt werden: so benutzen die Hazara das Pappelholz zur Dachkonstruktion, als Heizmaterial und als Erosionsschutz ihrer Bewässerungsgräben.

Das Bewässerungssystem ist sehr ausgeklügelt und funktioniert äußerst gut, sofern keine Dürre, die sich in diesem Jahr bereits wieder angekuendigt hat, herrscht. Durch Steine, die in den Fluss gelegt und tiefe Gräben, die geschaufelt werden, wird ein Bewässerungskanal vom Fluss seitlich abgeleitet; oft wird auch ein gesamter Bach auf diese Weise umgeleitet. Es scheint, als würden die Kanäle bergauf fließen, doch in Wirklichkeit verlaufen sie nur nicht ganz so steil bergabwärts wie der Fluss. Das gesamte System funktioniert ohne Pumpen, manchmal sieht man ein Wassersammelbecken, dessen Inhalt zu gegebener Zeit auf unterschiedliche Felder geleitet werden kann. Während einer Feldbewässerung ist der Farmer dann damit beschäftigt, das Wasser der Reihe nach in vorbereitete kleine Kanäle auf seinem Feld zu leiten, in dem er mit Steinen die einen Kanäle schließt, andere öffnet. Die Wasserzuteilung eines Dorfes ist genau festgelegt.

Der Winter ist in dieser Gegend sehr hart, vor allem in den karg bewachseneren Gebieten. Bereits im Frühling legen die Bewohner Wintervorrat an: Disteln, Büsche und Gestrüpp. Dies dient als Heizmaterial und Trockenfutter für die Tiere. Auch als Heizmaterial dienen die Exkremente ihrer Tiere, die sie in runden Fladen auf ihren Dächern oder auf einer Mauer ihres Hauses trocknen.

Das Heizsystem ist sehr ebenfalls sehr ausgeklügelt. In der Küche gibt es eine offene Feuerstelle, die recht tief in den Boden eingelassen ist. Der Rauch des Feuers wird durch Schächte unter dem Boden des Nachbarzimmers entlang geführt. Dadurch wird das Zimmer geheizt. Während des Winters verlassen die Menschen selten diesen Raum. Für diese Zeiten scheint es sicherlich schön zu sein, eine große Familie zu haben, damit viele Geschichten erzählt werden können!

Die Einwohner des Hazarajats wurden in den vergangenen Jahrzehnten unterdrückt, aufgrund ihres mongolischen Aussehens und ihrer schiitischen Religion diskriminiert und getötet, ihr Land teilweise vermint und lange Zeit vernachlässigt. Eine Infrastruktur existiert praktisch nicht. Landwirtschaft und Tierhaltung sind die Hauptbeschäftigung der Hazara, die Erträge dienen vor allem der eigenen Ernährung. Im Hazarajat gibt es keine Industrie.

Man sieht im Hazarajat, wie überall in Afghanistan eine Menge Kinder. Kaum laufen gelernt, verfolgen sie bereits Schafe, mit einem Stock wild nach ihnen wedelnd. Der Stock ist dabei meist länger als sie selbst. Im Allgemeinen scheinen die Kinder gut ernährt und man staunt über die Menge derer, die in die Schule gehen. Einige Organisationen haben sich auf die Alphabetisierung konzentriert, vielerorts findet der Unterricht, für Jungen und Mädchen gleichermaßen, in Zelten statt. Doch trotz dieser Bemühungen ist die Analphabetisierungsrate in Afghanistan sehr hoch.
Uns strecken all die vielen Kinder im Vorbeifahren nicht die Faust, die ihr Land darstellt, sondern aufgeregt die flache Hand entgegen, hochgehoben und winkent zum Gruss. Dabei lachen sie ihr schönstes Kinderlachen.

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